Österreich als Labor der Energiewende

9. Januar 2020

 

Der aus Österreich stammende und an der New York University lehrende Klimaökonom Gernot Wagner schrieb mit „Klimaschock“ einen aufsehenerregenden Wissenschaftsbestseller. Im Interview mit dem Green Tech Magazine erklärt er, wie wir mit CO2-Steuer(ung) und innovativer Technologie effektiven Klimaschutz erreichen können.


 

Österreich als Labor der Energiewende

 

Der aus Österreich stammende und an der New York University lehrende Klimaökonom Gernot Wagner schrieb mit „Klimaschock“ einen aufsehenerregenden Wissenschaftsbestseller. Im Interview mit dem Green Tech Magazine erklärt er, wie wir mit CO2-Steuer(ung) und innovativer Technologie effektiven Klimaschutz erreichen können.

 

Wie weit sehen Sie CO2-Steuern und die CO2-Bepreisung als Mittel, um die Klimaerhitzung in den Griff zu bekommen?

Gernot Wagner: Es geht einerseits um die Bepreisung von Klimarisiko und andererseits um die rasche Entwicklung und Verbreitung neuer Technologien. Bei der Bepreisung wiederum geht’s vor allem um die vielen Ungewissheiten – also nicht nur um die bekannten Bekannten, sondern um die bekannten Unbekannten, die den CO2-Preis noch viel höher machen. Das bedeutet sowohl eine CO2 -Steuer als auch viel mehr direkte Steuerung: direkte Subventionen einerseits, intelligente Technologie-, Verkehrs-, Regionalplanung andererseits.

 

Wie beurteilen Sie das schwedische und das kommende deutsche CO2-Modell?

Wagner: Schweden hat seit 25 Jahren eine ziemlich hohe CO2-Steuer. Ich spreche kein Schwedisch, aber ich bin mir ziemlich sicher, zu wissen, worüber Schweden beim Abendessen nicht sprechen, und das ist die CO2-Steuer. Das Leben geht weiter, trotz CO2-Steuern von über 100 € pro Tonne. Das Resultat? Der Wärmeenergiesektor in Schweden ist im Prinzip entkarbonisiert. Energie kommt vor allem aus Atom- und Wasserkraft und anderen erneuerbaren Quellen. Fossile Energie gibt es zwar natürlich auch, aber die spielt eine untergeordnete Rolle. Die große Frage, wie immer, ist natürlich, was kam zuvor: die CO2-Steuer oder die CO2-armen Energiequellen? Und wie so oft ist das Gesamtbild kompliziert. Atom- und Wasserkraft kamen schon lange vor der CO2-Steuer und machten diese auch erst mal überhaupt politisch möglich.

 

„Es geht um eine Systemumstellung, was die Wirtschaftsströme im Großen betrifft.“

 

Und das deutsche Modell?

Wagner: In Deutschland hat die direkte Förderung der Solarenergie dazu geführt, dass viel mehr Solaranlagen auf den deutschen Dächern stehen. Die Direktunterstützungen für die Einspeisung von Solarengerie waren verdammt hoch, im Jahr 2010 etwa um die 40 Cent pro Kilowattstunde. Mittlerweile sind die Subventionen heruntergegangen. Das war ein Learning by doing: Die Subvention ist jetzt nicht mehr so nötig, weil die Systempreise für Photovoltaik (PV) dramatisch gesunken sind, um über 70 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Dashat auch teilweise dazu geführt, dass global die PV-Preise stark gesunken sind. Ist die Energiewende deshalb gut? Ja. Teuer, aber gut. Wir sollten etwa alle Dankesschreiben an deutsche Haushalte senden, weil die Deutschen die Solarenergie auch für uns subventioniert haben. Es geht also nicht nur um Steuern, sondern auch um Steuerung.

 

Was kann Österreich, was können die österreichischen Unternehmen tun?

Wagner: Österreich ist das Land der erneuerbaren Energie, 73 % des Stroms kommen aus der erneuerbaren Energie, viel davon ist schon seit jeher Wasserkraft. Das hat natürlich mehr mit Glück als mit Planung zu tun: „Land der Berge, Land am Strome“. Auch hier geht es jetzt darum, viel mehr zu tun. Es geht um Innovation, um Investitionen in die Zukunft und die Zukunftstechnologien. Es geht um die Steuerung von Forschungsgeldern, um Forschung & Entwicklung und den Einsatz dieser Technologien. Da gibt es einige Kompetenzzentren, die eine prominente Rolle spielen könnten. Und: Österreich ist so ein großartiges Labor, um Initiativen zu setzen. Es ist in vielerlei Hinsicht klein genug, um das gesamte Land als Labor betrachten zu können. Es gibt natürlich auch viele regionale Unterschiede. Was für den Ballungsraum Wien gut ist, ist anders, als was im Gasteinertal funktionieren würde. Das Prinzip, etwa bei effizienten Transportsystemen, gilt allerdings da wie dort. Im Gasteinertal fährt in der Hauptsaison alle 2 Stunden ein Zug, Busse vielleicht ein- oder zweimal pro Stunde. Alternative zum Individualverkehr ist das nicht. Warum nicht ein Elektrobus alle 15 Minuten? Dann könnten sich leicht viele Gasteiner auf Öffis verlassen, ohne viel zu planen, oder etwa die Zillertaler müssten nicht über tägliche Staus während der Hauptsaison klagen. Österreich könnte ein Labor der Klimawende für mögliche Lösungen sein.

 

Wie ist Ihre Position zu solarem Geoengineering, in dem Schwefeldioxid in die Stratosphäre befördert wird, um eine Abkühlung zu erreichen?

Wagner: Skeptisch. Solar-Geoengineering ist keine Lösung. Die Lösung ist, weniger CO2 auszustoßen und CO2 auch wieder aus der Atmosphäre zu holen. Allerdings müssen wir das Thema auch ernst nehmen. Alles, was wir über Klimaschutz zu wissen glauben, dreht sich bei Solar-Geoengineering um. Beim Klimaschutz geht es vor allem darum, Emissionen einzudämmen, sich selbst und andere dazu zu bewegen, mehr zu tun.Beim Solar-Geoengineering geht’s einerseits vor allem um die Forschung, andererseits geht’s darum langsamer zu handeln, nichts zu überstürzen. Die direkten Kosten des Solar-Geoengineering scheinen so niedrig zu sein, dass es darum geht, andere davon abzuhalten zu schnell zu handeln. Es gibt viele mögliche Risiken, viel mehr Fragen als Antworten.

 

„Österreich ist so ein großartiges Labor, um Initiativen zu setzen.“

 

Sie sind Vegetarier, haben keinen Führerschein, gehen also mit gutem Beispiel voran. Ist es das, was der Einzelne tun kann?

Wagner: Einerseits sollen – müssen – wir natürlich selbst moralisch handeln. Andererseits geht es natürlich um eine Systemumstellung, darum, die Wirtschaftsströme im Großen umzulenken. Also geht es vor allem darum, richtig zu wählen und die Politik in die richtigen Bahnen zu lenken, die dann wiederum uns und die Wirtschaftsströme und die Wirtschaft im Allgemeinen in die richtigen Bahnen lenkt. Der wichtigste einzelne Schritt, den jemand machen könnte ist wählen zu gehen und tatsächlich für Klimaschutz zu stimmen.

 

Bild: Lukas Illgner

Gernot Wagner
Jahrgang 1980. Seit 2019 lehrt und forscht der austro-amerikanische Ökonom an der New York University, davor an der Harvard University. Gemeinsam mit Martin L. Weitzman schrieb Wagner das Buch Klimaschock, das zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2017 avancierte. www.gwagner.com

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der Dezemberausgabe unseres Green Tech Magazines.

 

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