Öko-Strom – Energie mit gutem Gewissen

5. Oktober 2010

 

In Osteuropa entsteht unverhofft ein neuer Markt für die österreichische Industrie: Sie liefert Technologie zur nachhaltigen Stromgewinnung.


Noch haben die Befürworter der Kernkraft nicht aufgegeben, und in ihrem zähen Widerstand gegen alle Ausstiegsszenarien erringen sie sogar Etappensiege. Die deutsche Regierung beschloss etwa unlängst eine deutliche Verlängerung der Laufzeiten für alte Atommeiler. Und in Mittel- und Osteuropa steht laut der Interessensvertretung World Nuclear Association von der Slowakei bis ins Baltikum eine Reihe neuer AKWs in Planung. Auch der tschechische Außenminister Karl Schwarzenberg sprach vor Kurzem Klartext: Sein Land sehe »keine Möglichkeit, auf Kernkraftwerke zu verzichten«. Schließlich befinde sich die tschechische Republik weder in der Sahara noch an der Nordsee, um genügend Energie aus Sonne oder Wind gewinnen zu können.

Natürlich liegt Böhmen noch immer nicht am Meer, wie Ingeborg Bachmann einmal dichtete. Doch auch die hart kalkulierenden Strom-Manager in Prag haben längst ihr nationales Territorium hinter sich gelassen – und sind den Chancen neuer Energiegewinnung in Osteuropa nachgezogen. Während der riesige Stromkonzern ČEZ im eigenen Land nach wie vor den überwiegenden Teil seiner Kunden mit Energie aus Kohle- und Atomkraftwerken versorgt, nahm er in Rumänien einen der größten Windparks des Landes ans Netz.

Doch auch in Tschechien selbst, ob im Böhmerwald oder in Südmähren, setzte eine Vielzahl regionaler und kleinerer Investoren Windräder und Solarparks auf Hügelkuppen und Felder. Ermöglicht wurde dies nicht zuletzt durch Einspeistarife, die grüne Stromproduktion zu einem lukrativen Geschäft machen. »Der tschechische Staat hat zwar kein Bankenpaket geschnürt«, erzählt Gernot Mittendorfer, Generaldirektor der Großbank Česká Spořitelna, »aber er hat auf andere Art für Nachfrage gesorgt, etwa durch die gezielte Förderung von Investitionen in Alternativenergie oder in Wärmedämmung.« Das habe zu einem wahren Boom geführt.

Von St. Petersburg bis in die wilden Schluchten des Balkans
Tschechien ist nicht das einzige Land in Mittel-und Osteuropa, in dem die Alternativenergie-Branche einen Aufschwung erlebt. Die Zielvorgabe der EU, bis 2020 solle der Anteil an erneuerbarer Energien auf 20 Prozent angehoben sein, war einer der wichtigsten Impulsgeber. Darüber hinaus haben die nationalen Parlamente – im internationalen Vergleich spät – Regelungen zur Förderungen von Öko-Strom beschlossen. Es geht dabei um die sogenannten Einspeistarife, zu denen die jeweiligen Stromversorger teurer erzeugte Wind- oder Solarenergie abnehmen müssen. Diese Tarife fielen – etwa in Tschechien oder Rumänien – vergleichsweise hoch aus und heizten schnell die Bautätigkeit an.

Schließlich, als wohl wichtigster Faktor, liegt ein gewaltiges Potenzial bisher ungenutzter Energiequellen brach: Von den Bergen an Hackschnitzeln in den polnischen Wäldern über die Biomasse der großen Tierfarmen Ungarns, von der gleißenden Sonne auf den Hügeln Südbulgariens bis zu den steten Winden an der rumänischen Schwarzmeer- oder der baltischen Ostseeküste.

Österreichische Unternehmen zählen hier mit zu den wichtigsten Lieferanten der erforderlichen Technologie. Ihnen hat diese Sonderkonjunktur ermöglicht, relativ unbeschadet durch den Wirtschafteinbruch zu navigieren. Während etwa der steirische Autocluster oder die oberösterreichische Zulieferindustrie von der Krise schwer getroffen wurden, meldeten Energie- und Umweltlieferanten bessere Zahlen. Die Mitglieder der Vereinigung Eco World Styria, eines Unternehmensverbundes, der die Steiermark zum »Green Tech Valley« ausbauen möchte, berichteten etwa, im Krisenjahr 2009 hätten Umsätze und Beschäftigung um fünf Prozent gesteigert werden können. Für 2010 werde sogar ein Umsatzwachstum von 16 Prozent erwartet.

Diese Zuwachsraten verdanken die Produzenten von Öko-Technologie freilich nicht ausschließlich Osteuropa. Doch die grüne Entwicklungsregion gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die Konkurrenz ist groß: Auch für dänische Öko-Firmen gilt Osteuropa als interessanter Zukunftsmarkt. Andreas Thomas, der für den skandinavischen Windkraftriesen Vestas von Schwechat aus Österreich und Osteuropa betreut: »Natürlich spürt man die Finanzkrise auch in den Ländern Mittel- und Osteuropas. Aber diese spielen bereits heute eine wichtige Rolle, und sie werden an Bedeutung noch zunehmen.« Sein Konzern erhielt im Krisenjahr 2009 den bisher umfangreichsten Einzelauftrag aus Osteuropa – 76 Turbinen für Rumänien.

Die österreichische Industrie ist ebenfalls in der Region höchst aktiv. Der Grazer Maschinenbauer Andritz, der sonst eher Großaufträge aus Asien, Süd- und Nordamerika akquiriert, errichtet gerade in der Nähe von St. Petersburg die größte Holzpelletier-Anlage der Welt – damit die Biomasse-Reste einer nahen Papierfabrik für die Energieproduktion sinnvoll genutzt werden können. Die österreichischen Stromkonzerne Verbund und EVN errichten im von Netzausfällen geplagten Albanien ein Wasserkraftwerk. Schon in zwei Jahren sollen 100.000 Kunden mit Energie aus der aufgestauten Drin in den wilden Schluchten der nordalbanischen Alpen versorgt werden. Für ein Großprojekt, ebenfalls in Albanien, hat sich die EVN mit einem norwegischen Partner zusammengetan: Gemeinsam mit Statkraft, Europas größtem Produzenten von Strom aus Wasserkraft, arbeiten die Niederösterreicher an einer Kette von Speicherwerken am Fluss Devoll. Die Größenordnung entspricht dabei mit 400 Megawatt alpinen Vorzeigeprojekten wie Kaprun in den Salzburger Hohen Tauern.

Ein Speicherwerk dieser Art hat viele Vorteile. Nicht nur schließt es einen Teil der albanischen Stromlücke. Auch die Qualität der dort erzeugten Elektrizität trägt positiv zu der albanischen Energiebilanz bei: Spitzenlast, die unmittelbar abgerufen werden kann. Das heißt, wenn im Netz ein Spannungsabfall droht oder wenn gleichzeitig viele Verbraucher Energie beziehen wollen, steht diese sofort zur Verfügung. Diese Energiequelle wäre damit auch komplementär zu möglichen Windparks, die ebenfalls in Albanien zur Diskussion stehen. Denn so umweltfreundlich diese auch arbeiten, bei Flaute fehlt manchmal schlagartig der Strom. Dafür muss dann schneller Ersatz bereitgehalten werden.

 

Energie mit gutem Gewissen

Solche Speicherkraftwerke hätten auch andere Länder gern, aber noch spielt die Wasserkraft im Energiemix der mittel- und osteuropäischen Länder eine eher untergeordnete Rolle. Die Möglichkeiten dazu werden überall untersucht, mittlere, kleinere und selbst kleinste Wasserkraftwerke projektiert. Und fast in der gesamten Region sind Windparks in Planung oder im Bau.

Eine knappe Auswahl belegt diese Dynamik: ČEZ, der tschechische Stromkonzern, will bis 2012 die Strommenge aus Windkraft vervierfachen. In Polen sind mehrere Windparks in Planung oder im Bau, beispielsweise in der Ostsee, wo einige Kilometer vor der polnischen Küste ein Offshore-Windpark mit einer Kapazität von insgesamt 100 Megawatt entsteht.

In Ungarn ist unter anderem die spanische Iberdrola Renovables aktiv, hier sollen im Komitat Komarom-Esztergom Windturbinen bald 50 Megawatt liefern. Sowohl in Rumänien als auch in Bulgarien wird an mehreren großen Windparks gearbeitet. Für ein Projekt in Rumänien schloss sich die Austrian Renewable Power, eine Verbund-Tochter, mit lokalen Partnern zu einem Joint Venture zusammen. Und in Bulgarien ließ die niederösterreichische EVN bereits die ersten Fundamente für einen Windpark betonieren.

Werner Weihs-Raabl kennt zahlreiche dieser Projekte. Er ist in der Wiener Ersten Bank für Infrastrukturfinanzierungen verantwortlich und leitet einen Bereich, den es in dieser Form vor wenigen Jahren noch gar nicht gab. Dabei arbeitet er eng mit den regionalen Tochterbanken zusammen. »In unserem Portfolio machen Energie-Investitionen etwa die Hälfte aus – neben solchen für Verkehrsinfrastruktur oder Spitäler«, erzählt er. Und dieser Bereich werde noch stärker wachsen. »Das hat klare Gründe: Es handelt sich dabei um abgegrenzte Projekte. Sie müssen nur mit einem überschaubaren Gegenüber verhandeln, nicht wie bei einem Autobahnbau mit Bürgermeistern und Regionalpolitikern quer durch ein ganzes Land.« Überdies müssten nicht gleich Milliardensummen aufgewendet werden: »Projekte mit 50 bis 100 Millionen Euro gehören schon zu den größeren.«
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Diese Größenordnung der Projekte hat vor allem für die eher mittelständisch und regional strukturierte Wirtschaft in Österreich Vorteile. Die Maschinenbaufirma Binder beschäftigt im weststeirischen Bärnbach rund 100 Mitarbeiter. Sie ist auf Anlagen spezialisiert, die Holzreste aus Sägewerken oder Agrarabfälle wie Maiskolben in Heizwärme verwandeln. »Wir haben unseren Blick nach Osten gerichtet«, erzählt Bernd Hörzer, der den Auslandsvertrieb leitet. Es gebe zwar in manchen Ländern, etwa in Rumänien, immer noch erhebliche Probleme mit der Bürokratie und der Gewährung von EU-Förderungen. »Aber grundsätzlich ist Geld da«, so Hörzer, nicht zuletzt von westlichen Unternehmen, die schon dort tätig sind und modernisieren wollen.

Selbst ohne große Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, wie sie bei globalen Konzernen üblich sind, haben sich österreichische Firmen in die neuen Geschäftsfelder der Öko-Technologie vorgewagt. Etwa das oberösterreichische Unternehmen Fronius, das vor allem für seine Schweißgeräte bekannt ist. Doch im Vorjahr wurde bereits in einem ganz anderen Bereich der überwiegende Teil der 329 Millionen Umsatz erwirtschaftet: mit Wechselrichtern für Solaranlagen. Diese Sparte wird weiter ausgebaut, in Sattledt werden in diesem Jahr auf insgesamt 8000 Quadratmetern neue Produktionshallen errichtet.

Österreichische Unternehmen verkaufen noch andere wichtige Komponenten und Anlagen für Solartechnik in die Nachbarländer. Green OneTec im Kärntner St. Veit/Glan erzeugt Paneele zur Warmwassererzeugung, die benachbarte Schwesterfirma Kioto Photovoltaics solche zur Stromgewinnung. Robin Hirschl, Geschäftsführer der Kioto-Vertriebsfirma: »Für uns ist Osteuropa im Moment eher noch ein Hoffnungsmarkt.« Doch dann fallen dem Unternehmer zwei Großanlagen ein, die sich in Slowenien gerade im Bau befinden. Hirschl: »Slowenien habe ich im Kopf eigentlich schon Westeuropa zugerechnet.«

 

Quelle: Zeit online, 05.10.2010




 

 
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