Energie mit gutem Gewissen

7. Oktober 2010

 

In Osteuropa entsteht unverhofft ein neuer Markt für die österreichische Industrie: Sie liefert Technologie zur nachhaltigen Stromgewinnung.


 

Noch haben die Befürworter der Kernkraft nicht aufgegeben, und in ihrem zähen Widerstand gegen alle Ausstiegsszenarien erringen sie sogar Etappensiege. Die deutsche Regierung beschloss etwa unlängst eine deutliche Verlängerung der Laufzeiten für alte Atommeiler. Und in Mittel- und Osteuropa steht laut der Interessensvertretung World Nuclear Association von der Slowakei bis ins Baltikum eine Reihe neuer AKWs in Planung. Auch der tschechische Außenminister Karl Schwarzenberg sprach vor Kurzem Klartext: Sein Land sehe »keine Möglichkeit, auf Kernkraftwerke zu verzichten«. Schließlich befinde sich die tschechische Republik weder in der Sahara noch an der Nordsee, um genügend Energie aus Sonne oder Wind gewinnen zu können.
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Natürlich liegt Böhmen noch immer nicht am Meer, wie Ingeborg Bachmann einmal dichtete. Doch auch die hart kalkulierenden Strom-Manager in Prag haben längst ihr nationales Territorium hinter sich gelassen – und sind den Chancen neuer Energiegewinnung in Osteuropa nachgezogen. Während der riesige Stromkonzern ČEZ im eigenen Land nach wie vor den überwiegenden Teil seiner Kunden mit Energie aus Kohle- und Atomkraftwerken versorgt, nahm er in Rumänien einen der größten Windparks des Landes ans Netz.

Doch auch in Tschechien selbst, ob im Böhmerwald oder in Südmähren, setzte eine Vielzahl regionaler und kleinerer Investoren Windräder und Solarparks auf Hügelkuppen und Felder. Ermöglicht wurde dies nicht zuletzt durch Einspeistarife, die grüne Stromproduktion zu einem lukrativen Geschäft machen. »Der tschechische Staat hat zwar kein Bankenpaket geschnürt«, erzählt Gernot Mittendorfer, Generaldirektor der Großbank Česká Spořitelna, »aber er hat auf andere Art für Nachfrage gesorgt, etwa durch die gezielte Förderung von Investitionen in Alternativenergie oder in Wärmedämmung.« Das habe zu einem wahren Boom geführt.

Von St. Petersburg bis in die wilden Schluchten des Balkans

Tschechien ist nicht das einzige Land in Mittel-und Osteuropa, in dem die Alternativenergie-Branche einen Aufschwung erlebt. Die Zielvorgabe der EU, bis 2020 solle der Anteil an erneuerbarer Energien auf 20 Prozent angehoben sein, war einer der wichtigsten Impulsgeber. Darüber hinaus haben die nationalen Parlamente – im internationalen Vergleich spät – Regelungen zur Förderungen von Öko-Strom beschlossen. Es geht dabei um die sogenannten Einspeistarife, zu denen die jeweiligen Stromversorger teurer erzeugte Wind- oder Solarenergie abnehmen müssen. Diese Tarife fielen – etwa in Tschechien oder Rumänien – vergleichsweise hoch aus und heizten schnell die Bautätigkeit an.

Schließlich, als wohl wichtigster Faktor, liegt ein gewaltiges Potenzial bisher ungenutzter Energiequellen brach: Von den Bergen an Hackschnitzeln in den polnischen Wäldern über die Biomasse der großen Tierfarmen Ungarns, von der gleißenden Sonne auf den Hügeln Südbulgariens bis zu den steten Winden an der rumänischen Schwarzmeer- oder der baltischen Ostseeküste.

Österreichische Unternehmen zählen hier mit zu den wichtigsten Lieferanten der erforderlichen Technologie. Ihnen hat diese Sonderkonjunktur ermöglicht, relativ unbeschadet durch den Wirtschafteinbruch zu navigieren. Während etwa der steirische Autocluster oder die oberösterreichische Zulieferindustrie von der Krise schwer getroffen wurden, meldeten Energie- und Umweltlieferanten bessere Zahlen. Die Mitglieder der Vereinigung Eco World Styria, eines Unternehmensverbundes, der die Steiermark zum »Green Tech Valley« ausbauen möchte, berichteten etwa, im Krisenjahr 2009 hätten Umsätze und Beschäftigung um fünf Prozent gesteigert werden können. Für 2010 werde sogar ein Umsatzwachstum von 16 Prozent erwartet.

Diese Zuwachsraten verdanken die Produzenten von Öko-Technologie freilich nicht ausschließlich Osteuropa. Doch die grüne Entwicklungsregion gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die Konkurrenz ist groß: Auch für dänische Öko-Firmen gilt Osteuropa als interessanter Zukunftsmarkt. Andreas Thomas, der für den skandinavischen Windkraftriesen Vestas von Schwechat aus Österreich und Osteuropa betreut: »Natürlich spürt man die Finanzkrise auch in den Ländern Mittel- und Osteuropas. Aber diese spielen bereits heute eine wichtige Rolle, und sie werden an Bedeutung noch zunehmen.« Sein Konzern erhielt im Krisenjahr 2009 den bisher umfangreichsten Einzelauftrag aus Osteuropa – 76 Turbinen für Rumänien.

Die österreichische Industrie ist ebenfalls in der Region höchst aktiv. Der Grazer Maschinenbauer Andritz, der sonst eher Großaufträge aus Asien, Süd- und Nordamerika akquiriert, errichtet gerade in der Nähe von St. Petersburg die größte Holzpelletier-Anlage der Welt – damit die Biomasse-Reste einer nahen Papierfabrik für die Energieproduktion sinnvoll genutzt werden können. Die österreichischen Stromkonzerne Verbund und EVN errichten im von Netzausfällen geplagten Albanien ein Wasserkraftwerk. Schon in zwei Jahren sollen 100.000 Kunden mit Energie aus der aufgestauten Drin in den wilden Schluchten der nordalbanischen Alpen versorgt werden. Für ein Großprojekt, ebenfalls in Albanien, hat sich die EVN mit einem norwegischen Partner zusammengetan: Gemeinsam mit Statkraft, Europas größtem Produzenten von Strom aus Wasserkraft, arbeiten die Niederösterreicher an einer Kette von Speicherwerken am Fluss Devoll. Die Größenordnung entspricht dabei mit 400 Megawatt alpinen Vorzeigeprojekten wie Kaprun in den Salzburger Hohen Tauern.

Ein Speicherwerk dieser Art hat viele Vorteile. Nicht nur schließt es einen Teil der albanischen Stromlücke. Auch die Qualität der dort erzeugten Elektrizität trägt positiv zu der albanischen Energiebilanz bei: Spitzenlast, die unmittelbar abgerufen werden kann. Das heißt, wenn im Netz ein Spannungsabfall droht oder wenn gleichzeitig viele Verbraucher Energie beziehen wollen, steht diese sofort zur Verfügung. Diese Energiequelle wäre damit auch komplementär zu möglichen Windparks, die ebenfalls in Albanien zur Diskussion stehen. Denn so umweltfreundlich diese auch arbeiten, bei Flaute fehlt manchmal schlagartig der Strom. Dafür muss dann schneller Ersatz bereitgehalten werden.

Quelle: zeit.de / 4.10.2010

 

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